• margitschmidinger

Das Kreuz mit dem Kreuz!


Bei unserer Friedensweg Wanderung ist uns eine Pilgergruppe begegnet, die, auf einer Stange befestigt, ein Kreuz mit dem Gekreuzigten vor sich hergetragen haben. Es hat uns alle verstört und irritiert - warum tragen Menschen so ein grausames Bild durch den Wald, wo doch der Wald voller Bilder von Tod und Leben ist? Und als vor vielen Jahren der Pfarrsaal in Schwanenstadt renoviert wurde, kam das alte Kreuz mit dem Gekreuzigten wieder in den neuen Raum. Das Kreuz wurde auf einer beweglichen Tafel montiert und ich erinnere mich, dass ich es herumgeschoben habe und oft keinen passenden Platz gefunden habe. Wohin mit dem Schmerz den dieses Bild ausdrückt?

Der oben abgebildete Christus befindet sich im Haus der Besinnung in Gaubing. Das Kreuz wurde entfernt und das Bild entfaltet eine völlig andere Wirkung. Da ist was Befreiendes, Leichtes, Hoffnungsvolles zu spüren.

Ich nehme die unzähligen Christusdarstellungen am Kreuz zunehmend als störend war. Aus vielen Gesprächen weiß ich - da bin ich nicht alleine. Symbole und Bilder wirken auf uns. Unterbewusst zieht uns das eine Bild an, ein anderes stößt uns ab. Warum können wir mit diesen grausamen Bildern immer weniger anfangen? Verdrängen wir das Leid, den Tod, die Gewalt? Fallen wir vom rechten Glauben ab?

Keineswegs. Wir, das Volk der Gläubigen, nehmen schon lange etwas wahr, dass viele Kirchenverantwortliche nicht wahrhaben wollen. Das Zentrale unseres christlichen Glaubens ist nicht der Opfertod Jesu am Kreuz, sondern die Bereitschaft, sich wandeln zu lassen. Diese Wandlung beinhaltet immer auch Loslassen, Sterben, Gewalt. Aber am Ende steht das Neue, das Leben, die Freude und die Fülle. Jeder Wandlungsprozess in der Natur spiegelt uns genau diese Erfahrung wieder. Loslassen - sterben - neu werden - blühen. Diesen Prozess hat unsere Glaubenslehre durch die völlig überzogenen grausamen Kreuzesdarstellungen unterbrochen und den Menschen gepredigt, dass im Leid das Heil liegt. Wenn wir leiden wie Christus, dann werden wir erlöst. Ich habe nie verstanden, warum ich durch den grausamen Tod Jesu erlöst sein soll. Ich hab genug Scheiß gebaut in meinem Leben, aber dass Jesus dafür so leiden musste, das war mir immer schon suspekt. Ich will für meinen Mist schon selber grade stehen. Damit schmälere ich den Weg, den Jesus gegangen ist, in keiner Weise. Ich weiß, dass ich durch seinen konsequenten Weg des Friedens die Möglichkeit bekomme, es ihm gleichzutun. Diese Christuswirklichkeit ist in uns allen, wir alle sind Töchter und Söhne Gottes. Wir alle können uns für ein ehrliches, aufrichtiges Leben entscheiden, indem wir unsere "Scheinheiligkeit" ablegen und uns in unserer Brüchigkeit und Unvollkommenheit wahrnehmen. Mich zeigen wie ich wirklich bin verlangt viel Mut. In einer scheinbar perfekten Welt haben wir Angst nicht mehr dazuzugehören, ausgestoßen zu werden, verlacht zu werden. Zur eigenen "Wahrheit" zu stehen und vorherrschende Systeme zu hinterfragen, ist bis heute gefährlich. Jesus wird es nicht anders gegangen sein. Er ist durchgegangen, weitergegangen und hat wohl gewusst, dass er damit sein Leben aufs Spiel setzt. Und er ist weitergegangen. Weil er wusste, dass die göttliche Kraft in ihm das Wunder der Neuwerdung, der Auferstehung, ermöglicht und er nicht im Tod bleibt. So wie bei einer Geburt: die Mutter weiß, dass die Schmerzen kommen, aber sie weiß auch um das Neue, das kommt. Es geht nicht um die Schmerzen, es geht um das Neue das sich zeigen will, das zur Welt gebracht werden will.

Richard Rohr (Franziskanerpater, Autor) schreibt, wir sind im Babychristentum stecken geblieben. Wir laden alles beim Gekreuzigten ab, in der Hoffnung, dass er uns erlöst und uns befreit. Wenn er uns ernst nimmt, uns den Spiegel vorhält und sagt: "Schau dich an, DU lebst. Steh auf und geh! Nimm dein Leben selber in die Hand, werde erwachsen", dann bekommen wir wackelige Knie. Da ist es doch viel leichter in der Opferrolle zu bleiben, im Schmerz. Dann sind wir Opfer der Umstände, Opfer anderer Menschen, Opfer der Systeme die uns beherrschen. Und wir beten und beten um Erlösung, doch sie kommt nicht....

Christ sein, dass heißt die Opferrolle ablegen, die Komfortzone verlassen und durch kleine und große Sterbeprozesse durchgehen. In diesen Wandlungsprozessen brauchen wir Bilder und Symbole die uns stärken, damit wir durchhalten. Da kann auch einmal das Bild des Gekreuzigten passen, aber vor allem brauchen wir Bilder des Lebens. Den reifen Apfel, der vom Baum leuchtet. Das Licht, das durch die Wolken durchblinzelt. Der Löwenzahn, der den Asphalt durchbricht. Und dann sitze ich in der Kirche und suche vergeblich nach stärkenden Bildern, Leid und Schmerz wohin ich blicke...... da fällt ein Lichtstrahl durch das bunte Fensterglas und das Herz wird mir weit und ich spüre - LEBEN. Und LEBEN, das ist kein zu erlösendes Problem, sondern ein Mysterium, das gelebt werden will.


Ja, Gott Schöpfer, sende uns.

Ja, Gott Mensch, begleite uns.

Ja, Gott Geist, führe uns hinaus ins Weite und hinein ins Leben...