• margitschmidinger

Das Wasser des Lebens

Das Wasser des Lebens, beseelt von dem Wunsch, sich auf der Erde zu zeigen, sprudelte unablässig und ohne Anstrengung aus einem natürlichen Brunnen. Die Menschen kamen von überall her, um von dem magischen Wasser zu trinken, und spürten, dass es sie nährte, da das Wasser so klar, so rein und belebend war. Doch die Menschen waren nicht zufrieden damit, die Dinge in ihrem paradiesischen Zustand zu belassen. Mit der Zeit fingen sie an, einen Zaun um den Brunnen zu bauen, Eintrittsgeld zu verlangen, Besitzansprüche auf das Grundstück zu erheben. Sie schufen Vorschriften, wer Zutritt zum Brunnen hat und wer nicht, und brachten Schlösser an den Zugangstoren an. Sehr bald war der Brunnen im Besitz der Mächtigen und der Elite. Das Wasser ärgerte sich darüber und empfand das als eine Beleidigung. Es hörte auf zu fließen und begann, an einem anderen Ort zu sprudeln. Die Leute, die das Grundstück rund um den ersten Brunnen besaßen, waren so beschäftigt mit ihren Machtsystemen und Besitzansprüchen, dass sie gar nicht mitbekamen, dass das Wasser aufgehört hatte zu fließen. Sie fuhren fort, das nicht mehr vorhandene Wasser zu verkaufen, und nur wenige merkten, dass die ursprüngliche Kraft des Wassers verloren gegangen war. Aber einige Unzufriedene machten sich mit großem Mut auf die Suche nach dem neuen Brunnen.

(Wunibald Müller)


Diese Geschichte entspricht meinem derzeitigen Bild von Kirche und Spiritualität. Wir sehnen uns nach diesem lebendigen Wasser und immer weniger Menschen finden es in unseren Gottesdiensten, in unseren Sakramenten und Ritualen. Hat Gott sich verabschiedet aus dieser Welt? Gewiss nicht, doch während die großen Kirchenmänner festhalten an Traditionen und Ritualen, hat sich womöglich das lebendige Wasser längst andere Orte und Wege gesucht, um bei den Menschen zu sein.

Wie oft höre ich von Menschen, dass die wunderbare Schöpfung eine Kraftquelle für sie ist. Anstatt des sonntäglichen Gottesdienstbesuches gehen sie in die Natur und erleben hier Verbundenheit und spüren eine tiefe Dankbarkeit. Andere wieder entdecken die Stille für sich. Meditation und Yogaübungen verbinden Körper, Seele und Geist auf eine sehr stärkende Art und Weise. Im Buchladen oder in digitalen Medien finden wir Unmengen an Literatur für gelingendes Leben. Das eine oder andere Wort verhilft uns zu einem authentischen und besseren Lebensstil.


Lange Zeit empfand ich diese Entwicklung als Konkurrenz zu unserer Kirche. Spiritualität boomt, doch wenn wir als Kirche Angebote machen, werden sie nur sehr wenig genutzt. Demütig erkenne ich, dass auch ich gerne über Gott verfügen würde. Ich stelle mich in "seinen" Dienst und dann bitte lieber Gott, mach was ICH will. Nach jahrelangen Erfahrungen kann ich sagen – funktioniert nicht. Gott ist nicht verfügbar, nicht greifbar. Er/sie lässt sich in keine Strukturen einsperren und auch nicht in Sakramente. Das Wasser sucht sich neue Wege und fließt wo es gute Bedingungen vorfindet – weichen Untergrund und Offenheit.


„Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt. Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser…! Joh 4,13-15


Die Frau am Jakobsbrunnen gehört zu meinen Lieblingstexten in der Bibel. Der Rahmen für diese heilende Erfahrung einer Frau findet an einem ungewöhnlichen Ort zu einer ungewöhnlichen Zeit statt. Alles an dieser Begegnung ist außerhalb der Tradition. Auch hier sucht sich das lebendige Wasser einen neuen Brunnen. Ganz unverhofft findet die Frau wonach sie sich schon lange sehnt. Lebendigkeit und Zugehörigkeit. Und das alles geschenkt.


Wie diese Frau spüre ich diese Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser in mir und ja, immer wieder fließt es in mir - unverhofft und geschenkt.


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