• margitschmidinger

Let it be! Lass es geschehen...

Updated: Nov 3


Vor einigen Tagen saß ich im Wald und schaute den Buchenblättern zu, wie sie eines nach dem anderen leicht tänzelnd vom Baum fielen. Es war ein Schauspiel, dass mich irgendwie mit Freude erfüllte. Ich versuchte im Vorfeld zu erraten, welches Blatt als nächstes zu tanzen beginnt und hin- und herwiegend zum Boden fällt. Es hatte was Unbeschwertes, Kindliches, Leichtes, Natürliches.

Im Leben ist Loslassen alles andere als leicht. Verbinden wir loslassen doch allzu oft mit verlieren. Das macht Stress. Wer ist schon gerne ein Verlierer in einer Welt die von Haben-wollen und Wissen-müssen geprägt ist. Loslassen hingegen fordert andere Qualitäten. Sein-lassen. Vertrauen-können. Demut-üben.

Die Haben-Wollen-Wissen Qualität trainieren wir in der ersten Lebenshälfte. Wir bauen was auf, schaffen dies und das, gründen Familie, bauen ein Haus etc. Wir entwickeln unsere eigene Persönlichkeit. Alles gut, alles schön. Doch irgendwann stellt sich die Sinnfrage. Wo will ich hin? Wie hoch, wie weit, wie groß? Im besten Fall überhöre ich diese Stimme nicht und entdecke, dass ein erfülltes Leben mehr braucht, als das erreichen äußerer Erfolge. Und so dürfen wir die zweite Lebenshälfte dafür nutzen, die Loslass Qualitäten einzuüben. Loslassen im Sinne von - die Hand öffnen und etwas Freigeben. Nicht verlieren. Ein Beispiel: Wenn ich einen Stift in der Hand halte und die Hand nach unten öffne, fällt der Stift zu Boden. Ich verliere ihn. Öffne ich die Hand nach oben, so ist der Stift frei, fällt aber nicht hinunter.

Übungsfelder fürs Loslassen gibt es genug. Allerheiligen, Allerseelen sind gute Tage um sich nicht nur des einen großen Todes bewusst zu werden, sondern die vielen kleinen Tode, die wir täglich sterben, wahrzunehmen. Jeden Tag sterben tausende Zellen in uns ohne dass wir es bemerken. Täglich gibt es Abschiede von lieben Menschen, wo wir nicht wissen, ob wir sie wiedersehen. Eine Hoffnung auf einen neuen Job stirbt, der nicht in Erfüllung gegangen ist. Eine Wiedergutmachung um die wir uns bemühen, wird abgelehnt. Oder wir verschlafen eine Begegnung, die neue Chancen eröffnet hätte. So viele kleine Tode. Wenn wir dieses Sterben verdrängen, macht es uns Angst. Wir glauben das Leben zu verlieren. Wenn wir hingegen diese kleinen Tode annehmen als Übungsfeld und Lernchance, dann sinken wir mit jedem Sterben tiefer hinein ins Leben und die Angst vor dem letzten großen Tod wird kleiner. Immer mehr entdecken wir, das das schmerzhafte Loslassen mehr ein Durchgehen ist. Ein Frei werden. Das Alte geht, das Neue kommt. Wir entdecken, dass unser Bewusstsein und Grenzen aufzeigt, die es so nicht gibt. Wir sind nicht getrennt von der anderen Welt, wo unsere Verstorbenen hingegangen sind. Es sind unsere Vorstellungen und unsere Gedanken die uns begrenzen. Maria Magdalena und viele Frauen und Männer nach ihr haben diese Grenze aufgebrochen. Sie haben den Toten bei den Lebenden gesehen (Lk 24,5). Und du? Suchst du die Lebenden noch im Totenreich?

Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird. (Immanuel Kant)

Eines der schönsten Lieder zum Thema Loslassen haben wir Paul McCartney von den Beatles zu verdanken. Im Traum sieht er das Gesicht seiner verstorbenen Mutter Maria, die ihm mit sanfter weiser Stimme sagt - Let it be! Lass es sein! Lass es geschehen! https://www.youtube.com/watch?v=1LMSOfs10mA