• margitschmidinger

Mutter Erde, ich hör dein Rufen - Teil 3, Kraftquelle "Viriditas - Grünkraft"


Schon mal was gehört von "viriditas"?

Die Heilige Hildegard von Bingen lebte im weitläufigen Laubwaldgebiet Mitteleuropas, indem zu ihrer Zeit im 12. Jahrhundert große Waldrodungen durchgeführt wurden. Die Bäume, Sträucher, Pflanzen inspirierten sie zu unzähligen Abhandlungen über die Heilwirkung der Pflanzen auf uns Menschen. Nach Hildegard können Früchte, Blätter, Wurzeln heilende oder auch schädliche Wirkungen auf uns Menschen haben. Auch ordnet sie den Bäumen bestimmte Eigenschaften, Tugenden und Laster der Menschen zu. Sie schreibt: "Alle Bäume haben entweder Wärme oder Kälte in sich...!"

Mit dem Begriff "viriditas - Grünkraft" drückt sie die Lebenskraft aus, die allen Pflanzen innewohnt. Und diese Lebenskraft ist für sie Gotteskraft. Hildegard beschreibt nicht nur das Wachstum der Natur, sondern sie deutet das beobachtete Wachstum auch als göttliche Lebenskraft und findet damit einen Namen für Gott selbst. Gott ist für sie Caritas (Liebe), Sapientia (Weisheit) und eben auch Viriditas (Grünkraft).

Der Hildegard-Pilgerweg von Idar-Oberstein nach Bingen lädt uns ein, uns mit dieser Viriditas zu verbinden und uns ganz einzulassen, auf dieses Sein in der Natur. Die Binger Hildegard-Kennerin Petra Urban beschreibt dieses Einlassen in ihren spirituellen Frauengeschichten sehr treffend:

Manchmal kann es gut tun, uns diese Maria zum Vorbild zu nehmen. Will heißen, in ausgesuchten Momenten unseres Lebens konsequent die Finger vom Alltag zu lassen, alle Verpflichtungen vorübergehend vergessen, stattdessen Eintauchen in die Tiefe unseres Seins und die Anwesenheit Gottes darin zu erspüren. Nichts denken, nichts wollen. Nur fühlen. Nur sein - vertrauensvoll gedankenlos sein. Kopflos sein, im besten Sinne des Wortes. Plötzlich geschieht etwas mit uns. Eine Art Kraftfeld tut sich auf. Es ist, als erstrahle die Welt um uns herum von einem Augenblick auf den anderen in einem besonderen Licht. Ein Licht, das alles mit allem verbindet. Nichts scheint mehr für sich zu existieren, alles auf ein anderes zu verweisen. Auf ein Vollkommenes. Und wir, die wir dasitzen und staunen und das Strömen der Helligkeit und Heiligkeit tief in unserem Inneren spüren, erleben uns als Teil dieser Vollkommenheit. Auf einmal sind wir leicht wie ein Lachen und weit wie die Luft, die uns einhüllt, und durchlässig für alle Schwingungen um uns her. Wir sind Baum und Blatt und Licht und Vogelgesang, sind das Rauschen des Windes und gleichzeitig die Stille, sind der Duft der Blüten, das Summen der Bienen, sind Himmel und Wolken und der warme Duft der Erde und alles andere sind wir auch. Kurz gesagt: wir sind Fülle, nichts als Fülle in diesem Augenblick. Wir sind Leben. Wir sind göttliches, vollkommenes Sein."


O edelstes Grün,

das seine Wurzeln in der Sonne hat

und das in heiterem hellem Glanz im Kreis leuchtet,

von keiner irdischen Intelligenz zu begreifen.

Du bist umfangen von der großen Umarmung,

der göttlichen Geheimnisse.

Wie die Morgenröte strahlst du

und glühst wie das Feuer der Sonne

(Hildegard von Bingen)